Alles strömt Bernd Taglieber, Landau 11.Dezember 2025
Eine transaktionsanalytisch-systemische Betrachtung von Wahrnehmung, Bezugsrahmen, Ich-Zuständen und strategischer Kommunikation
Wahrnehmung kann überwältigend sein. Ein intensiver Film, ein hektischer Tag in der Großstadt oder eine Autofahrt durch das Verkehrschaos Palermos – irgendwann drängt sich unser Körper in den Vordergrund und signalisiert Erschöpfung. Auch wenn sich unsere Aufmerksamkeit immer nur auf einen Aspekt richten kann, strömen ununterbrochen Reize auf uns ein. Unsere Sinne tasten die Umwelt permanent ab: hören, sehen, riechen, prüfen, vergleichen. Von Moment zu Moment entstehen neue Eindrücke, die in uns wirken.
Dabei melden sich unweigerlich unsere sicherheitsbezogenen Grundbedürfnisse: der Hunger nach Struktur und nach Zugehörigkeit. Nach dem Getriebe des Tages suchen wir Rückzug – die vertraute Unterkunft, eine Nachricht an die Liebsten, ein Stück Gewohntes. Diese Bedürfnisse stabilisieren uns und markieren den Übergang von der äußeren Stimulation zu unserer inneren Verarbeitung.
Wahrnehmung als Transaktion – eine Erweiterung des klassischen TA-Begriffs
Wenn wir konsequent betrachten, wie Umweltreize auf uns und unsere Ich-Zustände wirken, lässt sich jeder Stimulus als eine Art Transaktion begreifen. Unsere Umwelt „spricht“ permanent mit uns. Wir lesen automatisch jedes Schild, jede Werbung, jeden Aufkleber am Auto vor uns. Dieser automatisierte Dialog mit der Welt zeigt, wie aktiv unser Bezugsrahmen alle Informationen aufnimmt, sortiert und bewertet.
Der Bezugsrahmen ist unser innerer Kosmos – ein geschlossenes Bild, das wir von uns selbst, anderen Menschen und der Welt haben. Er bestimmt, wie Reize interpretiert werden. Wahrnehmungen werden entweder eingepasst („eingemeindet“) oder aussortiert, wenn sie nicht anschlussfähig sind.
Nimmt man diesen Bezugsrahmen ernst, kann man den Transaktionsbegriff nicht länger auf zwischenmenschliche Kommunikation begrenzen. Jede Form von Stimulation – ein Geräusch, ein Ort, eine Rolle, eine Körperempfindung – interagiert mit unseren Ich-Zuständen. Der Kontext wird damit zum zentralen Bestandteil jeder Transaktion.
Wir wissen aus Erfahrung, dass Umweltbedingungen Kommunikation massiv beeinflussen:
Menschen kommunizieren im Auto anders als zu Fuß, ein Gespräch in Handschellen verläuft anders als eines ohne Zwang, Taucher unter Wasser haben andere Muster als an Land, online ist anders als offline. Die Umwelt bildet also eine transaktionale Kulisse, die den Dialog mitprägt – oft stärker als die gesprochenen Worte.
Dennoch taucht dieser Kontextbezug in der klassischen Theorie der Ich-Zustände kaum auf. Dabei weist Günther Mohr mit seinem Verständnis der Ich-Zustände als „stetem Strom“ von Fühl-, Denk- und Verhaltensmustern bereits in eine systemisch anschlussfähige Richtung. In seiner praktischen Arbeit fragt er nach dem Moment: Was fühlst du jetzt? Was denkst du jetzt? Was wäre jetzt dein Impuls? Damit öffnet er den Ich-Zustand für sämtliche situativen Wahrnehmungen und damit auch den Zusammenhang zur Filterleistung des Bezugsrahmens.
Aus diesem Blickwinkel wird deutlich: Das Ich-Zustandskonzept ist ein integraler Teil des Bezugsrahmens. Und der Bezugsrahmen wiederum ist die systemtheoretische Brücke, die der Transaktionsanalyse ermöglicht, Interaktionen umfassender zu verstehen.
Wie Transaktionen im Bezugsrahmen wirken
Eine Transaktion – etwa ein gesprochenes Wort – trifft auf den Bezugsrahmen des Angesprochenen. Dort liegen unzählige Erfahrungen bereit:
- frühere Begegnungen mit ähnlich aussehenden Menschen
- Erinnerungen an Stimmen und Tonlagen
- Erfahrungen mit Orten und Rollen
- emotionale Muster, die in vergleichbaren Situationen aktiviert wurden
Aus dieser Fülle entsteht ein Gefühlsimpuls. Dieser Impuls ruft ein Denkmuster auf, das wiederum eine Bewertung erzeugt: Ist die Situation freundlich oder bedrohlich? Aus dieser Einschätzung formt sich ein Verhaltensimpuls – oft schneller, als unser bewusstes Denken eingreifen kann.
Vieles davon läuft automatisiert ab. Neuronale Muster aus Gefühlen und Verhalten sind in Form von Gewohnheiten fest im Bezugsrahmen verankert. Paare kennen das: ein bestimmtes Grinsen, ein falsches Wort zur falschen Zeit – und sofort setzt ein vertrauter, aber unerwünschter Reiz-Reaktions-Ablauf ein.
Wer solche Muster verändern will, muss sie zunächst als Gewohnheiten erkennen. Erst das Bewusstwerden, dann das Erproben eines Alternativverhaltens öffnen die Tür zur Veränderung. Manche Gewohnheiten sind eng mit frühen Narrativen des Skripts verknüpft und damit besonders stabil. Andere, weniger emotional aufgeladene Muster können im „Strom der Ich-Zustände“ leichter umgelernt werden.

Denken als Gefühlsregulation – zwei Richtungen
Denkmuster dienen häufig dazu, Gefühle zu regulieren. Grundsätzlich lassen sich zwei Richtungen unterscheiden:
- Gefühlsunterdrückende Denkgewohnheiten
Das Denken dämpft Gefühle, hält sie klein oder schiebt sie weg. - Gefühlsstimulierende Denkgewohnheiten
Das Denken verstärkt Gefühle, treibt sie an oder steigert den inneren Druck.
Ein anschauliches Beispiel liefert der berühmte „Entscheidungsvermeider“, der selbst nach langer Zeit noch nicht weiß, was er bestellen soll. Das Denken kreist, verwirft, prüft erneut – und erzeugt genau die Anspannung, die es eigentlich auflösen möchte. Der Kontext („Du musst dich jetzt entscheiden!“) aktiviert die im Bezugsrahmen hinterlegten Muster und bringt die gewohnte Denkspirale hervor.
Alles strömt – der Bezugsrahmen als Quelle der Ich-Zustände
Alle Wahrnehmungen, innere wie äußere, passieren den Bezugsrahmen und münden in den stetigen Strom der Ich-Zustände. Von dort aus können wir – etwa über gezielte Befragung – Denkfiguren, Gefühlsmuster und Verhaltensimpulse erkunden. Das klassische Ich-Zustandsmodell bleibt nützlich, doch es ist eingebettet in einen viel dynamischeren, systemisch anschlussfähigen Prozess.
An dieser Stelle öffnet sich eine bedeutende Frage:
Wie verändert sich die Sicht auf Transaktionen, wenn wir nicht nur die sichtbare Interaktion betrachten, sondern auch die verdeckten, kontextabhängigen Rahmenbedingungen?
Damit gelangen wir zu einem zweiten Themenfeld – und zum logischen nächsten Schritt.
Verdeckte, strategische Transaktionen – Kommunikation im erweiterten Bezugsrahmen verstehen
Eric Berne definierte Transaktionen als „Grundeinheit aller sozialen Verbindungen“. Diese Definition betont den sichtbaren, zwischenmenschlichen Austausch. Doch viele menschliche Interaktionen sind nicht offen, sondern zielgerichtet, indirekt oder strategisch.
Im kommunikativen Kontext sprechen wir heute von verdeckten Transaktionen. Verdeckte Transaktionen spielen dort eine Rolle, wo ein Ziel verfolgt wird, das nicht ausgesprochen wird. Berne selbst beschrieb in seinem Buch „Struktur und Dynamik von Organisationen und Gruppen“ neben den bekannten komplementären, gekreuzten und verdeckten Transaktionen auch „indirekte Transaktionen“ (S.211) und „abgeschwächte Transaktionen“. Diese Konzepte sind im modernen TA-Kanon verschwunden, obwohl sie wichtige Hinweise geben: Kommunikation ist oft absichtsvoll oder kontextbezogen – und diese Absichten ergeben sich aus dem Bezugsrahmen.
Ein klassisches Beispiel Bernes ist der Versicherungsvertreter:
Er zeigt elternhaftes Interesse, doch sein eigentliches Ziel liegt auf der Erwachsenenebene – er möchte einen Abschluss. Die soziale Botschaft tarnt die psychologische Intention.
Deutlich dramatischer zeigt sich verdeckte Kommunikation in Bedrohungssituationen. Eine Geisel etwa mag echtes Interesse am Täter zeigen, verfolgt jedoch vor allem das Ziel, freigelassen zu werden. George Kohlrieser hat daraus das Konzept des „effektiven Dialogs“ entwickelt: Bindung herstellen, strategisch kommunizieren – als Mittel zur Selbstbefreiung.
Die moralische Bewertung ist hier zweitrangig. Entscheidend ist: Menschen kommunizieren oft strategisch, weil die Situation es erfordert.
Strategische Kommunikation – eine transaktionsanalytische Definition
Strategische Kommunikation (Bernd Taglieber, Wer lebt dein Leben, S.230) bedeutet:
- Eine bewusste Entscheidung im Erwachsenen-Ich zu treffen
- Kommunikation aus einer inneren Metaperspektive zu steuern („Wie will ich wirken?“)
- Auswirkungen auf die Systemrelevanz (Kontext, Zukunft, Risiken) einzubeziehen
- Nonverbale Signale so einzusetzen, dass keine Rückschlüsse auf innere Ich-Zustandswechsel möglich sind
- Psychologisch auf ein Ziel hin zu kommunizieren – Einfluss zu nehmen
Strategische Kommunikation umfasst damit weit mehr als Verhandlungen. Sie zeigt sich im Alltag, in Rangkämpfen, in Machtspielen, in beruflichen Konflikten und auch in existenziellen Situationen.
Warum dieser Aspekt vor allem in Coaching und Organisationsentwicklung wichtig ist
Wer strategischen Angriffen ausgesetzt ist – etwa Mobbing oder systematische Ausgrenzung – wird durch „normale“ TA-Kommunikationsanalysen kaum entlastet. Es geht dann nicht um gegenseitiges Verstehen, sondern um ein realistisches Erfassen der Lage. Betroffene brauchen Orientierung:
- Befinde ich mich in einem Verständigungsproblem?
- Oder in einer strategischen Auseinandersetzung?
- Welche Handlungsspielräume habe ich?
- Welche Wirkung soll meine Kommunikation erzielen?
Die Erweiterung des TA-Modells um Bezugsrahmen, Kontext und strategische Intention hilft, diese Unterscheidung klarer zu treffen.