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Ein heiß ersehntes Thema im Coaching?

von Bernd Taglieber

Sehnsucht – ein Wort, zu schön um es zu definieren? Na ja, nicht nur zu schön, sondern auch zu schillernd, um durch eine Definition Eindeutigkeit zu schaffen.

Ein ausgesprochen deutsches Wort mit Alleinstellungsmerkmalen. So hat es als deutsches Wort Eingang in mehrere andere Sprachen gefunden.

In der Romantik wurde es bis zur „Todessehnsucht“ hochgejazzt. Selbst Johann Wolfgang von Goethe, eigentlich ein Kritiker der Romantik, schreibt in der letzten Strophe seines Gedichtes „Selige Sehnsucht“:

 

Und so lang du das nicht hast,

Dieses: Stirb und werde!

Bist du nur ein trüber Gast

Auf der dunklen Erde.

 

Heute hat die Sehnsucht eher einen banalen Platz in der Werbebranche. Mit Sehnsüchten lässt sich gut Werbung betreiben. Dabei fällt auf, dass sie häufig im Zusammenhang mit Liebes- und Partnerschaftsfragen genannt wird.

 

Sehnsucht wonach? Nach dem ultimativen Lebenspartner? Nach unermesslicher Geborgenheit? Nach ewigem Liebesglück?

Da schimmert der Wunsch nach der umfassenden Geborgenheit im Mutterleib durch. Nach der sorglosen Symbiose des totalen Versorgt seins. Die tiefe Sehnsucht nach Sicherheit.

Ist ein Sehnsüchtiger ein Reisender der unterwegs durch die Welt ist zum ewigen Zuhause? Sucht er einen Weg, wo am Ankunftsort die Risiken des Lebens ausgeschaltet sind?

 

Im Konzept der psychologischen Grundbedürfnisse nach Eric Berne, dem Begründer der psychologischen Schule der Transaktionsanalyse, wären das der „Hunger“ nach Anerkennung (sicherer Teil einer Gemeinschaft zu sein) und der Hunger nach Struktur und Orientierung (Sicherheit in der Lebenswelt zu haben).

Oder geht es viel eher um ein gegensätzliches Streben nach Abenteuer, Abwechslung, Aufregung. Um einen Ausweg aus der Banalität und der Langeweile eines eintönigen Lebens? Um die Sehnsucht auf ein anderes Leben? Im Konzept Bernes wäre das der Hunger nach Stimulation?

 

So wie Nahrung zum Überleben gebraucht wird werden die psychologischen Grundbedürfnisse zum Sattwerden in der Erlebenswelt eines Menschen gebraucht. Ein Mangel an ihnen erzeugt einen Hunger und ein Verhungernder wünscht sich nichts sehnsüchtiger als Nahrung. Er lechzt nach dem was er schon mal gehabt oder was er schon mal gesehen oder erträumt hat. Jedenfalls nach dem momentan Unerreichbaren.

 

Das würde die Thesen des verstorbenen Paul Baltes vom Max-Plank-Institut für Bildungsforschung unterstützen. Der Begründer der deutschen Sehnsuchtsforschung: Das Kennen der Sehnsucht kann helfen mit dem Unerreichbaren besser fertig zu werden.

 

Pia Heinemann zitiert in ihrem Artikel „Sehnsucht – Ursache und Sinn eines Gefühls“ vom Dezember 2008 in der Berliner Morgenpost die Zürcher Psychologie-Professorin Alexandra Freund:

„Sehnsüchte sind sehr glänzend, sehr glitzernd. Das beschreiben unsere Probanden immer wieder. Sehnsüchte stehen für etwas sehr Schönes, aber Unerreichtes. Deshalb können sie auch so wehtun, weil man das Objekt der Sehnsüchte ja eben nicht besitzt und meistens auch weiß, dass man es nur sehr schwer oder gar nicht erreichen kann. Das Gefühl der Sehnsucht ist immer bittersüß.“

 

„Bittersüß“ ist der passende Ausdruck für Sehnsucht, der zeigt wie zutiefst ambivalent dieser Gefühlszustand ist. Einerseits die Süße des antizipierten Verlangens, andererseits die Bitternis des Unerreichbaren. Und dies beides gleichzeitig.

Da wird es spannend, welcher Teil der Facetten mehr in den Vordergrund tritt. Mal hat die Sehnsucht mehr die Färbung eines Zieles, mal mehr die Färbung eines Verlustes.

Das wirft die Frage auf: Ob Sehnsucht ein Gefühl ist das zur Veränderung drängt oder ein Gefühl das Veränderung verdrängt?

Die Professorin Alexandra Freund meint: „Sie geben dem Leben eine Richtung, helfen Entscheidungen zu treffen“. Damit ist aber die zuvor aufgeworfene Frage noch nicht beantwortet. Könnte es nicht sein, dass durch das Sehnsuchtsgefühl der Zielpunkt eines Wunsches zu etwas Unerfüllbaren abgedrängt wird?

Ich glaube, wenn das Unerfüllbare zu sehr in den Vordergrund rückt, wird es im Tresor der Unmöglichkeit weggeschlossen. Imaginär bleibt das Sehnen erhalten, aber um es zu benutzen ist es zu teuer.

Mir scheint das Sehnen hat eine Parallele zu der Angst von Menschen, die sich vor Hunden fürchten. Ist ein Hund in ihrer Nähe wenden sie den Kopf zwar ab, schauen nicht direkt hin,

aber sie schielen mit den Augen auf das Objekt, das die Angst auslöst. So wie der Sehnsüchtige auf das Objekt der Begierde nur schielt und nicht wirklich hinschaut.

 

Auf jeden Fall hat die Sehnsucht einen starken Einfluss auf das Leben. Ein Gefühl, das zur Veränderung drängt? Oder es bannt und wegschiebt!

 

Menschen können ihre Sehnsüchte nutzen, um ein blockiertes Ziel mental zu verarbeiten. Oder sie können es nutzen, um ihrem Leben eine neue Richtung zu geben.

 

Im Coaching mache ich immer wieder die Erfahrung dass sich genau diese Frage erst dann stellt wenn der Klient es geschafft hat mit seinen Sehnsüchten in Kontakt zu kommen.

Sehnsucht ist ein wunderbarer Schlüssel für Herzenswünsche und die Tür zur Veränderung.

 

 

 
 

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